Ein Rückblick auf das Projekt „Zwischen Widerstand und Ausdruck – Queere Stimmen aus Georgien“ im Rahmen der Lübecker Pride Week 2025
Es sind oft die leisen Töne und die kreativen Gesten, die den lautesten Widerstand leisten. Das Projekt „Zwischen Widerstand und Ausdruck – Queere Stimmen aus Georgien“, das im August die Hansestadt bewegte, hat eindrucksvoll gezeigt, wie eng die Schicksale von Menschen über 2.400 Kilometer hinweg miteinander verbunden sind.
Kunst als Akt des Widerstands
Im Zentrum stand der Workshop „The Red and White Cube“ im Familienzentrum Buntekuh. Trotz einer amtlichen Hitzewarnung kamen junge Queers, Seniorinnen aus dem Quartier und engagierte Bürger:innen zusammen, um gemeinsam mit den georgischen Künstlerinnen und Aktivistinnen Ana Subeliani und Maka Kiladze ein kinetisches Kunstobjekt zu gestalten.
Die Farben Rot und Weiß – historisch fest in der Symbolik Georgiens wie auch Lübecks verankert – verschmolzen zu einem Zeichen transnationaler Solidarität. Inspiriert von der georgischen Kinto-Tradition, einer historischen Form des androgynen Tanzes, wurde im Workshop ein Raum geschaffen, in dem Wandel und radikale Freude den Repressionen in der georgischen Heimat trotzen.
Im Austausch erfuhren die Teilnehmenden, dass weder im Georgischen und in weiten Teilen des Kurdischen es tatsächlich kein grammatikalisches Geschlecht gibt, weshalb Personalpronomen dort geschlechtsneutral verwendet werden. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Sprachen keine Pronomen besitzen, sondern lediglich, dass ein und dasselbe Wort – im Georgischen beispielsweise „is“ und im Kurdischen oft „ew“ – gleichermaßen für „er“, „sie“ und „es“ steht. Da es auch keine geschlechtsspezifischen Artikel gibt, wird die Identität einer Person allein durch den Kontext oder zusätzliche beschreibende Begriffe verdeutlicht. Diese strukturelle Eigenschaft macht das Konzept von „Gender“ in der Grammatik dieser Sprachen hinfällig, was für Muttersprachler beim Erlernen stark geschlechtlich geprägter Sprachen wie Deutsch oft eine besondere Herausforderung darstellt.
Ein Kampf um Existenz
Hinter der bunten Fassade des Workshops steht eine ernste Realität. In Georgien ist queeres Leben derzeit massiven staatlichen Angriffen ausgesetzt. Gesetze gegen „LGBT-Propaganda“ und die Verfolgung von Aktivist:innen machen die Arbeit von Organisationen wie Tbilisi Pride lebensgefährlich.
„Von dem Mut und der Kreativität der georgischen Community können wir in Deutschland viel lernen“, betont Moritz Griepentrog von lambda::nord e.V. „In Zeiten, in denen demokratische Werte weltweit unter Druck geraten, ist es essenziell, genau hinzuschauen.“
Der Besuch in Lübeck bot Ana Subeliani und Maka Kiladze einen seltenen, sicheren Raum. Hier konnten sie ihre Botschaft ohne Angst vor Repressionen teilen – sei es beim Austausch im queeren Jugendzentrum am Pferdemarkt oder vor über 2.000 Menschen auf dem Lübecker Marktplatz während der Pride-Veranstaltung am Freitag Abend.
Ein bleibendes Symbol für Lübeck
Das Projekt endete nicht mit der Pride Week. Der im Workshop entstandene „Red and White Cube“ wurde im Rahmen der Langen Nacht der Museen im Zentrum für Kulturwissenschaftliche Forschung (ZKFL) ausgestellt und erreichte weitere 800 Besucher:innen.
Dr. Birgit Stammberger, die die Idee zum Projekt nach Lübeck brachte, resümiert:
„Wir wollten zeigen, wie Kunst und Kultur Werkzeuge der Hoffnung sein können. Mit dem Cube haben wir ein bleibendes Symbol geschaffen, das unsere Zivilgesellschaften verbindet.“
Zahlen und Fakten zum Projekt:
- Workshop & Austausch im Jugendzentrum: Über 20 direkte Teilnehmende trotz extremer Hitze.
- Sichtbarkeit: Grußworte vor 2.000 Menschen auf dem Markt; Teilnahme an der Demonstration mit insgesamt 10.000 Menschen.
- Nachhaltigkeit: Ausstellung zur Museumsnacht mit bis zu 800 Gästen.
Das Projekt hat ein klares Zeichen gesetzt: Solidarität kennt keine Grenzen, und wer für die Freiheit anderer einsteht, stärkt letztlich die eigene Demokratie.
Dieses Projekt wird gefördert durch die Partnerschaft für Demokratie Lübeck im Rahmen des Bundesprogramms ‚Demokratie leben!
